Zwei Kissen auf einem Bett mit der Aufschrift 'I am Crazy' und 'I love Crazy' als Symbol für Akzeptanz und einen sicheren Raum in der Sexualberatung online.

Der sichere Raum: Warum Bewertung der größte Lustkiller ist

Wir alle kennen ihn: diesen kritischen Kommentator in unserem Hinterkopf. Er ist unser ständiger Begleiter im Alltag. Er bewertet unsere Leistung im Job, vergleicht unsere Figur im Spiegel mit retuschierten Idealen und hinterfragt jedes Wort, das wir in sozialen Situationen aussprechen. Wir haben uns so sehr an diesen inneren Kritiker gewöhnt, dass wir ihn oft gar nicht mehr als fremde Stimme wahrnehmen – wir halten ihn für unsere eigene Wahrheit.

Doch während dieser Kritiker uns im Berufsleben vielleicht zu Höchstleistungen antreibt, wird er in der Intimität zu einer zerstörerischen Kraft. Sobald wir die Schwelle zum Schlafzimmer überschreiten, wird Bewertung zum absoluten Lustkiller. Denn Sexualität und Intimität brauchen das genaue Gegenteil von Urteilen: Sie brauchen Hingabe, Weichheit und das Gefühl, bedingungslos sicher zu sein.

In unseren Beratungen sehen wir immer wieder: Der Weg zu einer erfüllten Sexualität führt nicht über das Erlernen neuer Praktiken, sondern über das aktive Verlernen von Bewertungsmustern.


Die Anatomie der Bewertung: Wie wir uns selbst sabotieren

Bewertung in der Sexualität ist tückisch, weil sie oft maskiert daherkommt. Sie zeigt sich nicht immer als lautes „Das war schlecht“, sondern oft als leiser Vergleich oder als Erwartungsdruck.

Vielleicht kennst du diese Momente: Du liegst bei deinem Partner, die Atmosphäre ist eigentlich schön, aber plötzlich schleicht sich ein Gedanke ein: „Warum dauert es bei mir heute so lange? Letztes Mal ging es viel schneller.“ Oder: „Mein Bauch sieht in dieser Position bestimmt unvorteilhaft aus.“ In dem Moment, in dem dieser Gedanke auftaucht, passiert etwas Gravierendes in deinem Nervensystem.

Du verlässt das Fühlen und wechselst ins Beobachten. Du bist nicht mehr Teil des Geschehens, sondern dein eigener Zuschauer – und leider meist ein sehr strenger. Dieser Wechsel vom Subjekt (der Erlebenden) zum Objekt (der Beobachteten) unterbricht den Fluss der Erregung sofort. Die Energie wandert vom Becken in den Kopf. Das Ergebnis ist eine energetische Abwesenheit, die auch dein Partner spürt, selbst wenn ihr euch weiterhin berührt.


Scham: Wenn Bewertung zur Identität wird

Dort, wo Bewertung herrscht, ist die Scham meist der ständige Untermieter. Während Schuld sagt „Ich habe etwas falsch gemacht“, sagt Scham „Ich bin falsch“.

In der Sexualität ist Scham besonders schmerzhaft. Viele Menschen schämen sich für ihre körperlichen Reaktionen (oder das Ausbleiben derselben), für ihre geheimen Wünsche oder für die Stille in ihrem Kopf. Scham führt dazu, dass wir uns innerlich verhärten. Wir machen uns „klein“ und „unsichtbar“. Doch Intimität (intimacy) bedeutet in-to-me-see (ich lass‘ mich in mein Inneres schauen). Scham und Intimität können nicht im selben Raum existieren.

Wenn wir also einen sicheren Raum kreieren wollen, müssen wir lernen, die Scham als das zu entlarven, was sie ist: Eine Folge von Bewertungen, die wir oft schon in der Kindheit oder durch gesellschaftliche Normen übernommen haben.


Was ist ein „sicherer Raum“ eigentlich?

Oft denken Paare, ein sicherer Raum sei ein Zimmer mit Kerzenlicht und schöner Musik. Das kann helfen, aber die wahre Sicherheit ist eine emotionale Architektur zwischen zwei Menschen. Es ist das gegenseitige Versprechen: „In diesem Raum gibt es keine Noten.“

Ein sicherer Raum zeichnet sich durch drei wesentliche Säulen aus:

1. Die Säule der radikalen Annahme
Alles, was im Moment da ist, darf sein. Das klingt simpel, ist aber eine der größten Herausforderungen. Radikale Annahme bedeutet, dass auch die „unpassenden“ Gefühle willkommen sind. Wenn einer von beiden plötzlich weinen muss, wird das nicht als „Störung“ des Sex wahrgenommen, sondern als Teil der Begegnung. Wenn ein Körperteil nicht so reagiert, wie man es erwartet (z. B. keine Erektion, keine Feuchtigkeit), wird das nicht kommentiert oder gewertet. Es ist einfach eine Information des Augenblicks.

2. Die Säule der Ziel-Abstinenz
Bewertung entsteht fast immer aus einem Vergleich zwischen „Ist-Zustand“ und „Soll-Zustand“. Wenn wir das Ziel (den Orgasmus, die Penetration, die Dauer) streichen, entziehen wir der Bewertung die Grundlage. Wenn es kein Ziel gibt, kann man auch nicht versagen. Die Begegnung wird zu einem ergebnisoffenen Experiment, bei dem der Weg selbst die Belohnung ist.

3. Die Säule der wohlwollenden Kommunikation
In einem sicheren Raum sprechen wir nicht über den anderen, sondern von uns. Statt „Du machst das zu fest“ (Bewertung/Kritik), sagen wir „Ich merke, dass ich gerade mehr Sanftheit brauche“ (Bedürfnis). Diese feine Nuance verändert alles. Sie nimmt dem Partner die Angst, etwas falsch zu machen, und lädt ihn stattdessen ein, Teil deiner Entdeckungsreise zu sein.


Die Lustfalle: Warum „gut gemeint“ oft das Gegenteil bewirkt

Interessanterweise kann auch positive Bewertung ein Lustkiller sein. Sätze wie „Du bist heute so toll im Bett“ erzeugen – oft unbewusst – einen Leistungsdruck für das nächste Mal. Man möchte diesen „Titel“ verteidigen. Echte Sicherheit entsteht erst dort, wo wir wissen: Auch wenn ich heute einfach nur da liege und nichts tue, bin ich genauso wertvoll und geliebt. Die Liebe ist nicht an die sexuelle Performance gekoppelt.


Den inneren Zensor zum Schweigen bringen: Praktische Schritte

Wie schafft man es nun, im entscheidenden Moment die Bewertung loszulassen?

  • Benennen statt Bewerten: Wenn ein wertender Gedanke kommt („Ich bin zu trocken“), wandle ihn in eine neutrale Beobachtung um („Mein Körper braucht gerade noch Zeit, um weich zu werden“).
  • Körperanker setzen: Wenn der Kopf zu sehr rattert, kehre zu einer rein physischen Empfindung zurück. Spüre die Wärme der Hand deines Partners, das Gewicht deiner Decke oder das Geräusch eures Atems.
  • Die „Humor-Karte“: Bewertung ist meist sehr ernst und schwer. Ein gemeinsames Lachen über die Absurdität eines Moments kann die Mauer der Bewertung sofort einreißen.


Die Heilung durch das unverstellte Zeigen

Sich unverstellt zu zeigen, ist der mutigste Akt in einer Beziehung. Es bedeutet, mit dem Partner zu teilen: „Ich schäme mich gerade für meinen Körper“ oder „Ich habe Angst, dass ich dir nicht reiche“.

Wenn dieser Moment der absoluten Verletzlichkeit nicht mit einer Bewertung („Ach, hab dich nicht so“), sondern mit liebevoller Präsenz beantwortet wird, geschieht Heilung. In diesem Moment wird der Raum „sicher“. Und in dieser Sicherheit beginnt das Nervensystem sich zu entspannen. Erst wenn wir uns sicher fühlen, kann unser Körper die Schilde senken und die Lust einladen.


Fazit: Das Ende der Zensur im Kopf

Wahre Intimität ist ein zensurfreier Bereich. Sie ist der einzige Ort in unserem Leben, an dem wir nicht optimieren, nicht leisten und nicht gefallen müssen. Wenn ihr es schafft, die Bewertung vor der Schlafzimmertür abzugeben, werdet ihr feststellen, dass Sexualität viel bunter, vielfältiger und tiefer ist, als ihr es euch je hättet erträumen können.

Die Freiheit, einfach „sein“ zu dürfen – mit aller Unvollkommenheit – ist der größte Liebesbeweis, den ihr euch gegenseitig schenken könnt. Dort, wo die Urteile enden, beginnt die wahre Begegnung.

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